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Juni / Mai 2013

Denkbar sind auch undenkbare Wege

Kürzlich nahm ich an einer Wallfahrt nach Lourdes teil. Dort besuchte ich die Grotte von Massabielle, wo Bernadette Soubirous 1858 wiederholt die Mutter Gottes erschienen ist. Ich tue mich zeitweise etwas schwer mit solchen Erscheinungen, da mir meine Ratio gerne mal in die Quere kommt. Und doch hat mich ein Gedanke, den Bernadette damals ausgesprochen hatte, nicht mehr losgelassen: „Sie (die Dame in der Grotte) sah mich an wie ein Mensch, der zu einem anderen Menschen spricht.“ Dieser Satz aus dem Munde des einfachen und ungebildeten Mädchens hat mich nicht mehr losgelassen und in mir die Frage ausgelöst: Könnte in diesen Begegnungen womöglich das stattgefunden haben, was der Existentialist Karl Jaspers mit dem Gnothi seauton („Erkenne dich selbst!“) meint, nicht aber als Forderung, in einen Spiegel zu blicken, um zu wissen, wer ich bin, sondern auf mich zu wirken, dass ich werde, wer ich bin. Wer trägt sie denn nicht in sich, diese tiefe Sehnsucht, als den angesprochen zu werden, der er wirklich ist; nicht als den, der wir meinen zu sein, nicht als den, der andere aus uns machen (wollen), sondern als den, zu dem wir wahrhaftig und wesenseigen bestimmt sind. In meinem christlichen Verständnis bleibt mir dieses Selbstsein letztlich unverfügbar im Sinne der Unfertigkeit jedes menschlichen Lebens. Dass ich in meinem Sein zu mir selbst komme, das kann ich mir in seiner Endgültigkeit nur erhoffen und schenken lassen, indem ich mich immer wieder in die kommunikative Verbundenheit mit Gott stelle. Seine Wege, uns Menschen anzusprechen, können auch in unserer Zeit Raum schaffen, unserer wahren Bestimmung näher zu kommen. „Sie sah mich an wie ein Mensch, der zu einem anderen Menschen spricht.“ Durfte Bernadette uns da einen Schritt vorausgehen, dass sie sich als den Menschen schauen und ansprechen lassen durfte, der sie in Wirklichkeit war? Vielleicht gerade dadurch konnte sie die Verantwortung über sich selbst einem andern übergeben, ohne dabei ihr Bemühen, dem Menschen, der sie sein möchte, ähnlicher zu werden, aufzugeben. Vielleicht sind es gerade auch die für uns undenkbaren Wege, die Gott benutzt, uns Mut zuzusprechen, so wahrhaftig und tief in uns selbst zu sein als wir nur können und so immer mehr zu unserer wahren Bestimmung zu finden. Wir müssen nur bereit sein, unser Herz dafür zu öffnen. 

Angelika Löhrer, Pastoralassistentin